Hans Graeder

geboren am:
14.07.1919 in Mannheim
gestorben am:
26.02.1998 in Mannheim

Als Hans Graeder zum ersten Mal 1947 in der Kunsthalle Mannheim mit einer Ausstellung an die Öffentlichkeit trat, fiel er durch seine zeichnerische Virtuosität auf. Heinz Fuchs hat ihm 1965 die verblüffende Fähigkeit bescheinigt, Eindrücke nicht nur zeichnerisch und malerisch überzeugend fixieren zu können, sondern in ihnen auch einen ausgeprägten Blick für das Motivische zu beweisen.

Das Motiv in seinem Frühwerk ist fast immer der Mensch, auch in seiner Abwesenheit. So entstehen Bilder mit leeren Tischen und leeren Stühlen und lassen in der Abwesenheit der Menschen die menschlichen Bezüge nur noch intensiver erscheinen.

Hans Graeder, der von 1943 bis 1946 Schüler der Professoren Carl Trummer und Hans Gött an den Kunstakademien in Mannheim und München war, wanderte 1953 nach Amerika aus, wurde amerikanischer Staatsbürger und kehrte dann doch 1964 nach Mannheim zurück. Um in den Staaten Fuß zu fassen, seinen Lebensunterhalt zu sichern und die Sprache zu erlernen, arbeitete er zunächst in einer Eisengießerei, später dann stand er jahrelang als Boxer im Ring.Beides – die Härte des Berufs und die Härte des Boxens – prägten in dominanter Weise die Formensprache des Künstlers.

Mit Härte, Wucht und körperhafter Präsenz kamen in abstrahierenden Formen Keile, Balken, Gelenke in scharfer plastischer Ausprägung zur Darstellung. Diese Arbeiten waren es auch, die 1965 in seiner zweiten Ausstellung in der Kunsthalle präsentiert wurden. Dem Abwechslungsreichtum seiner Biographie entsprach die jederzeitige Bereitschaft zum Experiment. Dazu zählte auch die Auseinandersetzung mit moderner Literatur: Hans Graeder schätzte die Werke des großen amerikanischen Schriftstellers Henry Miller sehr, mit dem er – und darauf war er stolz – seit 1969 auch persönlich befreundet war.

In den 1970er Jahren kehrte dann das Bild des Menschen in sein Werk zurück, insbesondere als Kopf-Bild. In expressiver Weise – er bezeichnete seinen Malstil selbst als „neuen Expressionismus“ – deformierte er Köpfe, arbeitete mit Spiegeleffekten sowie Collage-Elementen.

Diese Arbeiten wurden 1980 in der Kunsthalle und im Rosengarten präsentiert, Joachim Heusinger von Waldegg beschrieb sie als „Porträts, gesehen aus einem deutschen Blickwinkel, voller Konflikte und Widersprüche und geschaffen im Vertrauen auf die versöhnliche Kraft der ‚Natur‘.“Mit Beginn der 1980er Jahre geht Graeder auch in den dreidimensionalen Bereich: Es entstehen Plastiken aus Pappe, aber auch aus Stahl, sowie Installationen. Den Mannheimern unvergessen ist das Lichthappening auf den Wasserturm 1981 (zusammen mit Horst Hamann): Von Graeder handgefertigte Dias – also kleine Originalkunstwerke – wurden auf den Wasserturm projiziert.

Graeder war aber keineswegs nur ein Mannheimer Künstler. Bekannt und erfolgreich war er u. a. auch in Polen und in Kassel: 1978 erhielt er die Bronzemedaille der Polnischen UNESCO-Kommission für Bildende Künste und 1980 die Medaille des polnischen Kultusministeriums; 1982 war er mit seinem Bild „Resurrected“ in einer Begleitausstellung zur documenta 7 – „Das Abendmahl in der Kunst der Gegenwart“ – in der Alten Brüderkirche vertreten.

Anschließend an die Collage-Elemente in den Kopf-Bildern entsteht bald konsequent ein Typus von Collage, der das gesamte Spätwerk des Künstlers prägen sollte: Graeder setzte die Leinwandstreifen zerschnittener älterer Ölbilder – zurückreichend bis in die 1950er Jahre und künstlerisch durchaus von hoher Qualität – mit solchen jüngerer Arbeiten zu neuen Kompositionen zusammen und erreichte so nicht nur die Verschränkung verschiedener Bildräume, sondern zugleich auch die Projektion verschiedener Zeiträume seiner eigenen Biographie hinein ins Heute.

Er nannte diese Art der Kompositionen „Re-Visionen“ und präsentierte sie 1990 in seiner vierten Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim und 1995 in der Rathausgalerie. In den Arbeiten kritisierte er vor allem die Position und das Verhalten der Menschen in Politik, Gesellschaft und in den Medien. Seine Sicht der Dinge war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit geschärft durch seine Arbeitsbedingungen: In seinem 14 m2 großen Kelleratelier hat er nicht nur – so Helmut Striffler – „viele seiner Jahre wie ein Lebenslänglicher investiert“, sondern zugleich einen immensen Spielraum an Freiheit entwickelt. Und diese Freiheit ist auch heute noch sein Credo an uns!

Text: Dr. Jochen Kronjäger

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