BILD DES MONATS
 
BILD DES MONATS
Peter Schnatz, Stationen (1973)
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Bildbeschreibung

Titel:
Stationen
Year:
1973
Technik:
Dispersionsfarbe auf Leinwand
Maße:
110 x 130 cm
Besitzer:
Nachlass-Stiftung Mannheim

Eine Landkarte, verwischt, übermalt; eineMarkierung, die an die Messlatte eines Landvermessers erinnert; eine Linie dieOrte verbindet und Normschrift notiert: Aufbruch, Diebstahle, Raubmord,Hinrichtung – und schon ist eine Geschichte mit all ihren Orten, Emotionen unddem traurigen Ende erzählt.

Typisch für seine Zeit gestaltete PeterSchnatz die Arbeit "Stationen" in einer Mischung aus Malerei derPop-Art und Grafikdesign. Gerade die Typographie, ein wichtigesGestaltungsmittel jener Jahre, half dem Künstler, sich von der reinen Malereiabzulösen, der diese Künstlergeneration zutiefst misstrauisch gegenüberstand.Als schwülstig und bürgerlich verachtet, zog man die nüchterne Beschreibung derUmstände und der Geschichte ganz klar vor. 

Thematisch eignete sich das Themader Straßenräuber und Vaganten, die außerhalb der bürgerlichen Gesellschaftstanden, in hohem Maße, um sich selbst als Künstler zu positionieren, in ganzentschiedenem im Widerspruch zum Bürgertum.

Die Arbeit „Stationen“ von Peter Schnatz(130 x 110 cm) ist die Arbeit Nr. 2 aus dem Hölzerlips-Zyklus, der einmal 17Arbeiten umfasste.

Der Hölzerlips-Zyklus ist eigentlich dieDokumentation einer "Räubergeschichte“: In der Nacht zum 1. Mai 1811 wirdbei Hemsbach (Bergstraße) eine aus Frankfurt kommende Kutsche überfallen. Inihr sitzen zwei Schweizer Kaufleute auf der Rückreise von einer Messe (Jakob Riederaus Winterthur und Rudolf Hanhart aus Zürich). Jakob Rieder wird schwerverletzt und nach Heidelberg gebracht, dort erliegt er seinen Verletzungen.

Die Bande, bestehend aus sechs Männern,flieht. Es sind sogenannte Vaganten, Angehörige des fahrenden Volks. Sie habenkeine Ausweise, keinen festen Wohnsitz. Der Anführer Georg Philipp Lang wirdvon seinen Kameraden Hölzerlips genannt – Hölzer, weil er mit Holz handelt undLips als die Abkürzung für Philipp.

Der Stadtdirektor Ludwig Pfister inHeidelberg nimmt den Vorfall zum Anlass, ein Exempel zu statuieren. Eine großangelegte Polizeiaktion füllt die Gefängnisse der Region. Die Täter werdengefasst. Der Prozess und die Hinrichtung am 31. Juli 1812 sind eine großeInszenierung, zu der Flugschriften und Programm verkauft werden, und locken30.000 Schaulustige nach Heidelberg.

Peter Schnatz wurde auf die Geschichte desHölzerlips aufmerksam durch den Mannheimer Journalisten Dieter Preuss, der sichu.a. mit Mundart und Volksliedern beschäftigte und das Lied wiederentdeckte,das einer der Beteiligten vor seiner Hinrichtung über den Überfall verfasste.

Eigentlich wollte Schnatz nur ein Bild zudiesem Lied malen. Dann entsteht aber über einen Zeitraum von einem Jahr einganzer Zyklus, der abstrakt und realistisch, sehr streng und konstruktivistischdie einzelnen Stationen der Geschichte erzählt. Die Arbeiten wirken kühl unddistanziert – ganz im Stil der Pop-Art dieser Zeit. 

Sie beschäftigen dasVorstellungsvermögen des Betrachters, erfassen die einzelnen Orte und dasGeschehen und werden so wieder zu einer Geschichte. Schnatz klagt nicht an, erversucht zu begreifen. 

Er bezieht keine persönliche Stellung, sondern„dokumentiert mit einer Sachlichkeit, die mehr betroffen macht als jede wieauch immer geartete Parteinahme“ (Siegfried Gerth).

Alle Arbeiten des Hölzerlips-Zyklus wurdenim Juli 1974 in der „Galerie“ in N 2,7 in Mannheim ausgestellt. DieVeranstaltung mit Dieter Preuss und seiner Musikgruppe trug den Titel„Spurensicherung“. Die Ausstellung sorgte für Aufsehen und dauerte nur eineWoche.

Text: Dr. Susanne Kaeppele und Silvia Köhler
Fotos: Hannes Schröder, Nachlass-Stiftung 

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