Ausbildung und erste Jahre
Nach einem abgeschlossenen Medizinstudium in Kiel und berufsbegleitender Promotion, entscheidet sich Weickelt 1989 noch für ein Kunststudium. Von 1989 bis 1993 studiert sie an der Freien Kunstakademie Mannheim. Neben ihrer künstlerischen Tätigkeit arbeitet sie auch als Medizinerin am Psychiatrischen Zentrum Nordbaden (PZN) in Wiesloch. Diese Verbindung von naturwissenschaftlichem Denken und künstlerischer Arbeit prägt ihr Werk nachhaltig. In erster Linie versteht sich Weickelt dennoch immer zuerst als Künstlerin.
Bereits in den 1990er-Jahren kann sie als solche diverse Erfolge verbuchen. 1990 stellt sie erstmals Werke im Kulturzentrum Alte Feuerwache in Mannheim aus. Es folgt eine rege Ausstellungstätigkeit in der Region, aber auch überregional, beispielsweise im Haus der Kultur in Bonn oder der Kunsthalle Barmen in Wuppertal, und international, etwa im Museé Fabre in Montpellier oder verschiedenen Galerien in Österreich. Zahlreiche Kataloge, Messebeteiligungen sowie Auszeichnungen im In- und Ausland (u. a. Willibald-Kramm-Preis, 2004) würdigen ihr Schaffen.
Reisen und kulturelle Einflüsse
„Warum reisen? Das ist mein Traum.“ – Elke Weickelt, 2021
Ein zentraler Bestandteil von Weickelts künstlerischer Entwicklung sind ihre Reisen. Ein Jahr verbringt sie nach dem Studium 1980 in Südostasien und bereist dort alle elf Länder. Ein weiteres, nach Beendigung ihrer beruflichen Tätigkeit als Ärztin, 2019 in Südamerika. Über ihre Erfahrungen in Argentinien, Chile, Paraguay, Bolivien, Peru und Ecuador veröffentlicht sie 2021 den Reisebericht Esta Sola. Sind Sie allein? Ein Jahr durch Südamerika. Darin schildert sie u. a. Begegnungen verschiedenster Art mit indigener Kultur und das Leben im Amazonas-Regenwald.
Nach dieser Reise nimmt sie 2024 an einer biologischen Exkursion nach Madagaskar teil. 2025 zieht es sie dann erneut nach Asien, sie verbringt drei Monate in Taiwan.
Diese Aufenthalte vertieften ihr Interesse an fremden Kulturen, Ritualen, Bildwelten und Lebensformen. Ihre Auseinandersetzung mit „ursprünglichen Kulturen“, mit ethnologischen Objekten, Kinderzeichnungen und sogenannter Außenseiterkunst markiert einen wesentlichen Ausgangspunkt ihres Werkes.
Arbeitsweise und künstlerischer Ansatz
Elke Weickelt arbeitet überwiegend malerisch auf Papier und Leinwand. Vereinzelt realisiert sie auch Plastiken, Kunst im öffentlichen Raum (z. B. in Dielheim und Nordbaden) und Performances. Ihr künstlerisches Schaffen ist ein fortlaufender, reflexiver Prozess, der zwischen unmittelbarer Erfahrung, Erinnerungen und Materialität vermittelt. Kunst ist ihr dabei ein existentielles Bedürfnis.
Die Künstlerin arbeitet in einer Mischtechnik u. a. mit Acrylfarbe und Ölkreide, teilweise integriert sie collageartige Elemente. Insbesondere im Frühwerk kommt häufig eine sgraffito-artige Kratztechnik zum Einsatz, wodurch lebendige Strukturen und haptische Tiefe entstehen.
Durch die Verwendung von Spachtel statt Pinsel bei der Gestaltung ihrer meist monochromen Bildgründe erzielt sie eine sehr bewegte Oberfläche, beinahe eine Art Mikro-Relief. Ihre Arbeiten entstehen über Tage und Wochen und sind im wahrsten Sinne des Wortes vielschichtig. Durch ihre Arbeitsweise, bei der Bilder Schritt für Schritt in einem längeren Prozess entstehen und verändert werden, setzt sie sich beim Arbeiten intensiv mit ihren Motiven auseinander und entwickelt eine persönliche Beziehung zu ihnen. Dem Schaffensprozess geht keine intensive Lektüre oder Recherche historischer Materialien o. ä. voraus. Ausgangspunkt für die Künstlerin ist immer das unmittelbare, körperliche Arbeiten mit dem Bild.
In den 2000er-Jahren entwickelt Elke Weickelt den für sie charakteristischen beigen Bildgrund. Ihre spezifische Farbpalette besteht aus gedämpftem Blau, Rot, Grün mit Akzenten von Gelb, Braun und Schwarz.
Ihre Formsprache wirkt stets „handgemacht“ und bewusst unperfekt.
Themen und Motive
Weickelt arbeitet bevorzugt in geschlossenen Bildfolgen und Werkblöcken. In ihren Werken sucht sie nach dem Ursprünglichen, Archaischen, Archetypischen. Das äußert sich u. a. in der Wahl ihrer Motive, aber insbesondere auch durch das Vereinfachen und die Reduktion in ihren Werken. Sie versucht durch ihre Kunst zur Essenz der Dinge vorzudringen. Häufig spielt sie dabei mit Gegensatzpaaren wie: Linie und Fläche, Norm und Abweichung, geometrisch und organisch, Zivilisation und Natur. Diese Paare bestimmen ihr bildnerisches Denken.
Ihre Kunst ist geprägt von einer existenziellen Auseinandersetzung mit der Welt, Fragen nach dem menschlichen Dasein und der eigenen Identität. In ihren Werken verarbeitet sie ihre Erkenntnisse, Begegnungen, Erlebtes und möchte damit andere zum Nachdenken anregen. So entwickelt sich ihr Werk kontinuierlich weiter und reflektiert sich dabei stets selbst.
Urgeschöpfe
Diese Entwicklung lässt sich in ihrem Schaffen wunderbar beobachten und beginnt mit der Werkreihe der „Urgeschöpfe“ (1991-1993). Hier verbindet sie reduzierte Figuration mit einem pastosen Farbauftrag und gestischem Duktus. Die Konturlinien sind noch deutlich abgesetzt und die Kompositionen flächig angelegt. Tiefe erzeugt die Künstlerin durch Staffelung oder Schichtung. Kunsthistorisch lassen sich Rückbezüge auf Kompositionsschemata vor Einführung der Zentralperspektive herstellen und die Arbeiten erinnern teilweise an Götterbilder archaischer Kulturen.
EWE Urgeschöpfe
Zeichen
Ab Mitte der 1990er-Jahre folgen ruhigere, offenere Kompositionen. Weickelt wagt den Übergang vom Figurativen zum Zeichenhaften und hieroglyphenartigen Formen füllen ihre Leinwände. Teilweise arbeitet sie dabei mit rasterartigen Strukturen interessiert sich für Reihungen und Wiederholungen und integriert collageartige Elemente.
Über archaische Zeichen findet sie schließlich zu geometrischen Grundformen: Dreieck, Viereck, Rundes, die künftig zu ihren zentralen Motiven werden.
EWE Zeichen
Mitte 1990er-Jahre taucht zudem erstmals die Hausform als Zusammensetzung von Dreieck und Viereck auf, die ab 2004 ein wesentliches Element in den Arbeiten von Elke Weickelt bildet. Nachdem sie in den 2000er-Jahren zu ihrer charakteristischen Farbpalette findet, lassen sich immer wieder spielerische Bezüge zu Konstruktivismus und Minimal Art erkennen, ohne die strenge Geometrie, die diesen beiden Kunstrichtungen innewohnt. Ganz im Gegenteil: Weickelts geometrische Formen zeigen teilweise ornamentale Muster, es existieren keine geraden Linien, alles scheint aus dem Rahmen herauszufallen und weicht von der Norm ab. Weickelt malt über den Bildrand hinaus, schneidet Motive nur an oder setzt Formen so ins Bild, dass sie wirken als würden sie „kippen“.
EWE Zeichen 2
„Elke Weickelts Formen sind immer Individuen, die gerade durch das Unangepasste so lebendig, anregend und menschlich wirken.“ – Kristina Hoge, 2024
Der Farbeinsatz der Künstlerin, der sich auf Beige und wenige Grundfarben beschränkt, und ihre Formsprache sind bewusst reduziert, sie setzt in ihren Kompositionen auf Einfachheit. Mit der Einführung der Hausform als zentrales Element wird auch das Moment der Bewegung zum wesentlichen Faktor ihrer Kompositionen. Dieses entsteht durch die Beziehung der Bildelemente zueinander. Verschmelzungen verschiedener Formen, die als assoziative Wahrnehmung gelesen werden können (z. B. Blume, Berge, Sonne etc.) machen sich breit. Einzelne Formen und Motive erscheinen in ihren Bildern oft an unerwarteten Orten. Winzige Häuser können frei im Raum schweben oder auf einer Treppe stehen. Diese bewusst irrationale Anordnung, ebenso wie die absurden Größenverhältnisse verschiedener Elemente zueinander, wirken teilweise wie traumartig und erzeugen surreale Momente.
EWE Zeichen 3
Bild-Geschichten und Interpretation
Mitte der 2000er-Jahre kommt auch ein erzählerischer Bildduktus in ihren Kompositionen auf, der sich durchzieht, weiterentwickelt und verstärkt. Perspektive kommt ins Spiel: Horizontlinien, Wege und gestaffelte Elemente eröffnen Räume. Der Tiefenraum wird nach wie vor einfach organisiert und entspricht nie zentralperspektivischen Konstruktionen. Die Bild-Geschichten bleiben rätselhaft und auch die „Titel“ der Werke verschaffen keine Abhilfe, denn die Künstlerin nummeriert ihre Arbeiten nur durch.
EWE Bild-Geschichten
Durch die Nummerierung der Werke anhand ihres Entstehungszeitpunktes im entsprechenden Kalenderjahr (z. B. 04-44 = das 44. Werk das 2004 entstanden ist) möchte Weickelt verhindern, die Interpretation zu färben und vom genauen Betrachten abzulenken. Das soll möglichst viele verschiedene Assoziationen und Interpretationen möglich machen und den kommunikativen Prozess der Rezeption betonen. Sie schreibt den Betrachter:innen ihrer Arbeiten damit eine aktive Rolle zu. Für diese Rolle ist kein kunsthistorisches oder autobiografisches Vorwissen nötig. Zugang finden Betrachter:innen durch ihre persönlichen Erfahrungen. Jede der von Weickelt verwendeten Grundformen bietet dabei ein breites Assoziationsfeld, das sich noch erweitert, wenn diese von ihr kombiniert und zusammengeführt werden (z. B. Dreieck = Berg, Kreis und Rechteck = Baum). Es entstehen Bilder, die unmittelbar auf Gegenständliches verweisen. Weickelt verdichtet Dinge so, dass das Bildgedächtnis der Betrachter:innen aktiviert wird und sie das formal nur Angedeutete weiter ergänzen.
Ursprung
Ab 2010 beschäftigt sich Elke Weickelt erneut mit ursprünglicher Kunst und den Ursprüngen ihres eigenen künstlerischen Werkes und greift beispielsweise erneut auf archaische Zeichen und Chiffren zurück. Ein Jahr später entstehen Arbeiten zur Sammlung Prinzhorn in Heidelberg, einem Museum für historische Werke aus psychiatrischen Anstalten sowie von heutigen Psychiatriepatienten. Für eine Ausstellung 2018 für die Willibald-Kramm-Preis-Stiftung, setzt sie sich intensiv mit Kinderzeichnungen auseinander.
Diese Werkphasen verdeutlichen, aus wie vielen unterschiedlichen Quellen Weickelt Inspiration schöpft: Eigene Reisen, Ethnologie und Kunstgeschichte sind für sie ebenso von Bedeutung wie Kinderzeichnungen oder die Kunst von Außenseitern.
EWE Ursprung
Erdlinge
2020 verändert sich das Werk der Künstlerin nochmal sehr stark. Der Auslöser dafür ist ihre Südamerikareise 2019. Diese Veränderung zeigt sich bereits in der Werkreihe der „Erdlinge“ (2017) und zieht sich bis heute durch ihr Werk. In diesen Arbeiten beschäftigt sich Weickelt intensiv mit dem Verhältnis des Menschen zur Natur und zu Tieren. Diese Beziehung wird spielerisch, kritisch, ironisch in dialogischer Konstellation beleuchtet. Reales, in Südamerika Erlebtes (Naturzerstörung, Klimawandel, der Umgang mit indigener Bevölkerung etc.), Geträumtes und Fantastisches gehen dabei ineinander über. Das Bildgeschehen wird kleinteiliger, verspielter und zeigt viele Figuren, zudem verändert sich die Farbigkeit hin zu strahlenderen, heitereren Tönen.
EWE Erdlinge
Ethnologische Buchübermalungen
Neben den großen Werkgruppen auf Leinwand und Papier entstehen Werkkomplexe in Auseinandersetzung mit ethnologischer Literatur. 2010/2011 beispielsweise durch die Beschäftigung mit dem Bildband Kunst der Südsee (1985) des tschechischen Ethnologen und Reiseschriftstellers Miloslav Stingl (1930-2020). Das Buch ist ein umfangreicher Kunst- und kulturgeschichtlicher Überblick über die Kunst der pazifischen Inselwelt (Ozeanien). Stingl stellt dort die vielfältigen Kunstformen und Kunsthandwerke der verschiedenen Kulturen Ozeaniens vor. Weickelt entnimmt dem Buch einzelne Seiten mit Abbildungen, bearbeitet diese malerisch und macht daraus eigenständige Kunstwerke. In der Regel bleiben Teile der ursprünglichen Buchseite bewusst sichtbar und werden von Weickelt in ihre Komposition einbezogen. Jede dieser Übermalungen dokumentiert, mit Angabe der Seitenzahl, Herkunft und Titel des zuvor auf der Seite abgebildeten Objekts.
EWE Kunst der Südsee
Diese Arbeiten holen historische Artefakte und Bildwelten in die Gegenwart und geben ihnen eine neue künstlerische Bedeutung. Dabei versteht Weickelt ihre Arbeit nicht als politisches Statement, sondern als Form der Aktualisierung und Wertschätzung.
Bereits 1995 beschäftigt sie sich in zwei Zyklen mit formalen Unterschieden zwischen Kulturen. In dem sogenannten „Indien-Zyklus“ übermalt sie Kalenderblätter aus Indien, reduziert diese auf Linien und Grundformen und vergleicht sie mit ihrem „Nordamerika-Zyklus“, Übermalungen von Vignetten des Schweizer Malers Karl Bodmer (1809-1893), die er für den Reisebericht Reise in das Innere Nord-America (1839-1842) von Maximilian zu Wied-Neuwied (1782-1867) anfertigte. Dabei stellt sie fest, dass in indischen Darstellungen häufig runde, geschwungene Formen dominieren, während in nordamerikanischen Motiven eher eckige Strukturen auftreten.
EWE Indien/Nordamerika Zyklus
Der mehrbändige ethnografische und naturkundliche Bericht von zu Wied-Neuwied ist geprägt von den eurozentrischen Vorstellungen von „Zivilisation“ der Zeit. Die Expedition der Männer durch das heutige Nordamerika gilt dennoch als eine der bedeutendsten frühen europäischen Erkundungen in dieser Region. Wie auch in den Übermalungen der Kalenderblätter, reduziert Weickelt in den Übermalungen des „Nordamerika-Zyklus“ die historischen Vorlagen. Gleichzeitig setzt sie sich mit der subjektiven Färbung des Berichts durch die Perspektive früher Forschungsreisender auseinander, in dem die betroffenen, indigenen Völker keine Stimme finden. Diese Arbeiten stellt sie unter anderem im Linden-Museum Stuttgart aus.